Wir wollten nie campen. Wirklich nie.
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Hallo ihr Lieben,
wie schön, dass ihr unseren ersten Brief von unterwegs lest.
Manchmal reicht mir der Platz unter einem Instagram-Post einfach nicht. Ich fange an zu erzählen und merke unterwegs, wie viele Geschichten in einer Geschichte stecken. Und wie so oft in meinem Leben brauche ich einfach mehr Raum. Deshalb gibt es jetzt diese Briefe. Und für den ersten müssen wir ein bisschen zurückgehen.
In eine Zeit, in der Ralph und ich uns bei einer Sache absolut einig waren:
Camping? Never ever!
Ralph machte Urlaub im Hotel. Am liebsten fünf Sterne. Oder besser gesagt: Für ihn kam nichts anderes infrage. Ich war ebenfalls in Hotels, aber auch gerne in Pensionen oder bei meiner Familie in Spanien. Wenn ich an den Ort fuhr, an dem meine Eltern lebten, kam nur eine Übernachtung bei ihnen infrage. Mit etwas anderem wären sie nicht einverstanden gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wohnwagen? Wohnmobil? Auf einem Campingplatz leben?
Wie kann man das freiwillig machen? Absolut unverständlich.
Seit September 2023 leben wir in unserem sechs Meter langen Wohnmobil namens Mila und sind mit unserem Anhänger Schrumpelpuh in Europa unterwegs. Die Winter verbringen wir vor allem im Süden Spaniens. Wir sind Jahrgang 1965 und 1963 – und hätten uns unser heutiges Leben früher beim besten Willen nicht vorstellen können.
Aber der Reihe nach.
In unserer Anfangszeit haben wir ziemlich oft gestritten. Die Gründe lassen wir hier einmal beiseite. Interessant für diese Geschichte ist, was danach kam: Wir vertrugen uns wieder, und Ralph buchte zur Versöhnung eine Auszeit in einem schönen Fünf-Sterne-Hotel.
Die Hotels waren toll. Über die habe ich mich immer sehr gefreut.
Unsere Probleme haben sie allerdings nicht gelöst. Darüber mussten wir trotzdem reden. Mich mit einer schönen Reise umzustimmen, funktioniert bei mir nicht so recht. Auch nicht mit fünf Sternen. Aber mir diese Reisen nach einem Streit entgehen lassen? Warum sollte ich?
Dann war es wieder einmal so weit.
Wir hatten gestritten, Ralph ging mir auf die Nerven, und ich machte alleine einen Spaziergang. Dabei telefonierte ich mit einer Freundin, um mich zu beruhigen.
Und Ralph hatte währenddessen Zeit. Zeit, um ein Hotel zu buchen.
Wenn ich das heute so erzähle, könnte ich mich wegschmeißen. Unser Humor hat oft die Wogen geglättet. Ohne ihn wäre vieles schwerer gewesen. Denn damals war längst nicht alles zum Lachen.
Als ich nach Hause kam, hatte er tatsächlich etwas gebucht.
Einen Kastenwagen.
Für fünf Tage.
Wir sollten damit an die bayerischen Seen fahren.
Bum. Da hatte ich den Salat.
Als Ralph meinen Gesichtsausdruck sah, wurde auch er unsicher und kratzte sich ständig nervös am Kopf.
Ich war zunächst nicht sonderlich begeistert. Trotzdem ließ ich mich darauf ein. Warum? Weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ralph weiß bis heute auch nicht, warum er ausgerechnet auf diese Idee gekommen ist. Und warum er dann tatsächlich auf den „Buchen“-Knopf gedrückt hat.
Jedenfalls packten wir, als würden wir zu einer Expedition nach Argentinien aufbrechen.
Dann fuhren wir los. Ohne Buchungen und mit einer eher ungefähren Vorstellung davon, wohin wir eigentlich wollten.
Gleich die erste Nacht verbrachten wir am Wörthsee. Frei stehend. Am Straßenrand. Schief geparkt. Jetzt wussten wir schon einmal, wozu Auffahrkeile gut sind.
Warum wir das gemacht haben, können wir heute auch nicht mehr sagen. Freunde davon sind wir bis heute nicht.
Ich lag jedenfalls im Bett und hatte genau einen Gedanken:
„Oh mein Gott, ich schlafe wirklich in einem Auto!“
Immer wieder dieser eine Gedanke.
Ralph hatte einen anderen Gedanken.
„Ich will Sex.“
Passiert ist natürlich: gar nichts. 😂
Ich hatte Angst, dass uns die Polizei wegschickt. Dass jemand klopft. Dass jemand versucht einzubrechen. Vorsichtshalber hatte ich sogar einen Baseballschläger eingepackt. Pfefferspray hatten wir gleich zweimal dabei.
Auch das gehörte offenbar zu meiner Vorstellung von Campingausrüstung. Das ist ausdrücklich keine Empfehlung.
Normalerweise schlafe ich recht gut. Ralph dagegen wird oft wach, steht nachts auf und ist morgens früh auf den Beinen.
In dieser Nacht starrte ich an die Decke. Komplett erstarrt vor lauter Angst.
Und Ralph?
Schlief wie ein Murmeltier.
Ganz ehrlich: Das hat mich zusätzlich noch sauer gemacht. 😅
Am nächsten Tag entspannte sich die Lage. Wir hatten Glück mit dem Wetter, fuhren auf Wohnmobilstellplätze und Campingplätze und verbrachten dort eine wunderschöne Zeit.
Es lief längst nicht alles reibungslos. Wir machten die typischen Anfängerfehler. Gefühlt alle, die man machen konnte.
Aber diese fünf Tage waren toll.
Was uns so guttat, war das reduzierte Leben. Trotz unseres Expeditionsgepäcks war die Auswahl kleiner als zu Hause. Weniger Geschirr. Weniger Kleidung. Weniger Dinge, zwischen denen man sich entscheiden konnte.
Wir waren weniger abgelenkt. Und wir merkten beide, wie gut uns das tat.
Natürlich hätten wir auch in einer Wohnung mit weniger Dingen leben können. Dort war es uns aber nicht so gut gelungen. Wir hatten beim Zusammenlegen unserer beiden Haushalte schon einiges abgegeben und trotzdem an vielem festgehalten.
Im Kastenwagen ergab sich manches einfach durch den Platz.
Überraschenderweise machte uns auch der kleine Raum überhaupt keine Probleme. Ralph sucht und braucht viel Nähe. Ich bin schon mal gerne alleine und brauche Zeit und Raum für mich.
Es funktionierte trotzdem. Und das tut es bis heute.
Besonders schön war für uns die Nähe zur Natur. Selbst in einem wunderschönen Hotel am See oder Meer hatten wir sie anders erlebt. Im Kastenwagen fühlten wir uns mittendrin. Wind und Wetter waren unmittelbarer da – mit allem Schönen und auch allem Anstrengenden, was dazugehört.
Wir fühlten uns wieder als Teil der Natur. Dieses Gefühl war uns beiden ein Stück weit verloren gegangen.
Und dann war da noch etwas, das uns sehr gefiel: Wir waren unterwegs und hatten ein Zuhause dabei.
Wenn wir irgendwo anhielten, hielten wir mit unserem Zuhause. Während der Fahrt drehte ich mich auf dem Beifahrersitz manchmal um und sah unser Bett. Das gab mir von Tag zu Tag ein wohligeres Gefühl.
Wir konnten in Bewegung sein und trotzdem ein Heim haben.
Allerdings merkten wir auch, dass für uns ein äußeres Zuhause dazugehört: ein Stellplatz oder Campingplatz, auf dem wir uns wohlfühlen. Der Straßenrand am Wörthsee hatte mir das ziemlich deutlich gezeigt.
Diese fünf Tage waren ein sehr bewusstes Erleben. Von der Natur. Von uns beiden. Und von Dingen, die sonst selbstverständlich waren.
Wasser war plötzlich etwas, um das wir uns kümmern mussten. Duschen auch. Und über die Toilette hatten wir uns vorher vermutlich noch nie so viele Gedanken gemacht.
Campen konnte anstrengend sein. Das merkten wir gleich am Anfang.
Trotzdem kamen wir nach diesen fünf Tagen mit dem Camping-Virus zurück.
Ausgerechnet wir.
Heute lieben wir dieses Leben. Nicht jede Minute, nicht jeden Stellplatz und ganz sicher nicht jede Toilettenentsorgung.
Aber dieses Leben.
Zum Glück wusste keiner von uns, was aus uns noch werden würde. Denn hätte einer von uns in seinem Dating-Profil „Campen“ stehen gehabt, hätte der andere weitergeklickt. 😅
Wir lesen uns.
Rosa & Ralph💚
Das war der Anfang unserer Geschichte.
Inzwischen leben wir in unserem Wohnmobil und zwischen damals und heute ist eine Menge passiert.
In unserem kostenlosen Newsletter erzählen wir weiter. Persönlich, manchmal nachdenklich und oft mit einem Augenzwinkern.
Wenn du unsere nächsten Geschichten lesen möchtest, freuen wir uns, wenn du dabei bist. 🩷